Kapazitätstarife

Kapazitätstarife sind ein Preisbildungsmechanismus. Bei Kapazitätstarifen werden Verbraucher:innen auf Grundlage ihrer Spitzenlast belastet. Kapazitätsentgelte bieten somit Anreize für Verbraucher:innen, Lastspitzen auf ein Minimum zu beschränken oder, im Falle zeitlich variabler Kapazitätsentgelte, Lastspitzen in Zeiten niedriger Preise zu verlagern.

Relevanz von Kapazitätstarifen

Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, müssen Netze für ihre jeweiligen Spitzenlasten ausgelegt sein. Verbrauchsabhängige Entgelte richten sich jedoch nur nach der verbrauchten Strommenge. Kapazitätstarife hingegen werden auf Grundlage des Kapazitätsbedarfs einer Verbraucher:in berechnet, der den Bedarf an Infrastrukturinvestitionen zur Bewältigung der Spitzenlast widerspiegelt.

Arten von Kapazitätstarifen

Statische Kapazitätstarife

Bei statischen Kapazitätstarifen wird eine Gebühr pro Kilowatt (kW) für die höchste Last in einem bestimmten Zeitraum erhoben. In Deutschland zum Beispiel wird der Verbrauch von Großverbrauchern (mehr als 100.000 kWh/Jahr) in 15-Minuten-Intervallen gemessen. Das 15-Minuten-Intervall mit dem höchsten Verbrauch wird dann zur Berechnung der Netzentgelte für das gesamte Jahr herangezogen.

Zeitvariable Kapazitätstarife

Verschiedene Arten von Kapazitätstarifen

Ähnlich wie bei verbrauchsabhängigen Time-of-Use-Tarifen werden bei zeitvariablen Kapazitätstarifen zeitlich variierende Entgelte für Lastspitzen erhoben. Dadurch werden für Verbraucher:innen Anreize geschaffen, ihre Last in Spitzenzeiten zu reduzieren und somit das Risiko für Überlasten zu minimieren.

  • Statische, zeitvariable Kapazitätstarife: Diese Tarife variieren in vordefinierten Intervallen, z. B. ein Tages- und ein Nachttarif. Die Gebühren können sich je nach Tageszeit, Wochentag und Jahreszeit ändern. Die Preise werden im Voraus für einen ganzen Zeitraum, in der Regel ein Jahr, festgelegt. Die Preise sollen zwar das Lastniveau im Netz widerspiegeln, werden aber nicht als Reaktion auf das tatsächliche, aktuelle Lastniveau gebildet.
  • Dynamische Kapazitätstarife: Preise werden in direkter Reaktion auf die Last im Netz festgelegt.
  • Kritische Spitzenlasttarife: Eine Kombination aus statischen und dynamischen Tarifen. Für die meisten Zeiträume sind die Kapazitätsentgelte entweder gleichbleibend oder werden in Intervallen für den gesamten Zeitraum bereitgestellt. In extremen Zeiten wird jedoch ein zusätzliches Entgelt erhoben, um die Belastung des Netzes zu verringern. Das Entgelt wird kurzfristig veröffentlicht.

Anwendung von Kapazitätstarifen

In Übertragungs- und Verteilsnetzen

Kapazitätstarife in der EU

In vielen europäischen Ländern werden zeitvariable Kapazitätstarife angewandt. Laut ACER haben 21 der 27 EU-Mitgliedstaaten statische zeitvariable Tarife im Verteilnetz. Neun Länder wenden auch zeitvariable Tarife im Übertragungsnetz an.Deutschland und Italien sowie Rumänien, Ungarn, Bulgarien und Zypern wenden keine zeitvariablen Kapazitätsentgelte an.

Deutschland und Italien sowie Rumänien, Ungarn, Bulgarien und Zypern wenden keine zeitvariablen Kapazitätsentgelte an.

Kapazitätstarif-Spitzenzeiten nach Land

Erhöhte Netzentgelte in Übertragungs- und Verteilnetzen werden je nach Land für einen oder zwei Zeiträume pro Tag erhoben.

Für Verbraucher:innen

  • Flandern (Belgien): Im Januar 2023 führte die belgische Region Flandern Kapazitätstarife für alle Verbraucher:innen ein. Damit will die Regulierungsbehörde die Belastung des Netzes während Spitzenstunden reduziren und damit den Bedarf für Netzausbauten verringern.
    Bei der Berechnung der Spitzenlast berücksichtigt der Netzbetreiber 15-Minuten-Intervalle und erhebt Gebühren auf der Grundlage der höchsten monatlichen Spitzenlast. Für Verbraucher ohne intelligenten Zähler wird eine Spitzenlast von 2,5 kW zugrunde gelegt.
  • Germany: In Germany, large consumers (>100,000 kWh/year) are monitored in 15-minute intervals. The interval with the highest load in a year then sets the capacity charge for the year.
    The annual consumption is divided by the peak load to derive the yearly utilization hours.
    The lower the number of yearly utilization hours, the higher the charge per kW of peak load. Consumers in low-voltage grids pay 5 ct/kW if their utilization hours are above 2,500 and 9 ct/kW if their utilization hours are below 2,500. In mid-voltage grids, consumers pay 3 ct/kW (>2,500 utilization hours) and 6 ct/kW (<2,500 utilization hours). 

Kritikpunkte

Kosten pro MWh nach jährlichen Benutzungsstunden (Quelle: Neon)

Statische Kapazitätstarife schaffen Anreize für einen gleichmäßigen Verbrauch. Wie die obige Abbildung zeigt, können Großverbraucher in Deutschland erhebliche Einsparungen erzielen, wenn sie eine Jahresbenutzungsstundenzahl von 7.000 oder mehr erreichen.

Die Jahresnutzungsstunden (AUH) werden wie folgt berechnet:

AUH = Jahresverbrauch (MWh) / Höchstlast (MW)

Da ein Jahr insgesamt 8.760 Stunden hat, darf die Höchstlast nur 25 Prozent größer sein als die Durchschnittslast, um 7.000 Benutzungsstunden zu erreichen. Somit besteht für die Verbraucher im Wesentlichen der Anreiz, das ganze Jahr über mit Grundlast zu arbeiten. Daher besteht für die Verbraucher kein Anreiz, Flexibilität bereitzustellen, um zum Ausgleich des Netzes beizutragen.

Somit bleibt das Flexibilitätspotenzial von Großverbrauchern in Deutschland weitgehend ungenutzt.